Roman - Leseprobe

"Heimsuchung" - Weltreise mit marodem Charme

Ich ging los, um den Verfall zu suchen,
und ich fand das blühende Leben.
Vor einigen Jahren hatte ich eine Liste der Orte erstellt, die ich unbedingt kennenlernen wollte, darunter New Orleans, Havanna und Venedig.
Das Hauptkriterium dieser Orte war: Der Marode Charme.
Für mich hieß das: Stätte, die ein bisschen zu nah am Schimmel sind, ein bisschen zu dicht am Verfall. Plätze, bei denen mich das diffuse Gefühl befiel, sie seien dem Untergang geweiht – sie seien heimgesucht.
Ich dachte, damit hätten wir etwas gemeinsam.

Ich war wie besessen.
Ich wollte Ruin und Moder, ich wollte das düstere, tanzende Chaos und die Geister der Vergangenheit, die in den klebrigfeuchten Gassen klebten.
Denn ich war der Überzeugung da, wo der marode Charme regiert, gibt es eine Erklärung dafür, wie Menschen mit ihren Ängsten umgehen. Und mit der Lust, dem Ausgleich der Angst.
Ängste, die am Ende die Gestalt von Geistern annehmen.
Es zog mich an Orte, deren Fassaden bröckeln. Mit Fassaden konnte ich noch nie etwas anfangen. Ich wollte das Dahinter sehen.
Unter die Wellblechdächer jenseits der betörenden kubanischen Strände. Unter die blankpolierte Touristen-Oberfläche eines – zu jenem Zeitpunkt – katastrophenerschütterten New Orleans. In die stinkenden Kanäle Venedigs.
Und was fand ich?
Die prächtigsten Farben der Welt in Havannas Gewändern sowie im Markttreiben der Halbmondstadt. Göttliche Musik. Voodoo. Die kurzzeitige Liebe und die langzeitige Liebe. Einsamkeit, Einsicht und Furcht. Verlorene Seelen. Die Macht der Naturgewalten. Die Macht des Geldes.
Menschen. Eine unbändige Lebensfreude.
Ein großes Abenteuer.
Und nur da, wo es sehr dunkel war, gab es auf der anderen Seite auch viel Licht.

Seitdem ich ein Kind war, wurde ich von Alpträumen bedrückt. Ich erinnere mich an das Entsetzen, das ich als Vierjährige beim Aufwachen empfand, und das ich den ganzen Tag über nicht abschütteln konnte.
Ich füllte dutzende Traumtagebücher mit düsterem Stoff, um mich von der Macht der Träume zu befreien. Allerdings schien ich sie damit nicht zu ersticken, sondern im Gegenteil noch zu füttern, und sie flochten lückenlose Handlungsstränge, bizarre Geschichten.
Weder Traumtherapie noch Fachliteratur setzten dem Spuk ein Ende.
Seither haben sie mich immer und überallhin verfolgt. Egal, wohin ich ging.
Ich dachte: Bleib nicht stehen. Such weiter. Irgendwo auf der Welt gibt es einen Ort, wo die Träume aufhören. Du musst nur weit genug gehen.
Ich bin immer weitergegangen. Von Hamburg nach Bergen, von Havanna nach Santiago, von Toronto nach Halifax. Wenn ich einmal anfange zu gehen, kann ich nicht mehr stehenbleiben. Ich muss wissen, was am Ende der Straße wartet.
Und die Welt belohnte mich an jeder Ecke mit einem neuen Wunder, mal herrlich, mal schrecklich, wie Rilkes Engelsgestalten.
Und an jedem Ort gab es Menschen, die ihre liebenswerten Verrücktheiten pflegten. Die mich zum Lachen und zur Verzweiflung brachten.
Eine Ahnung hatte von mir Besitz ergriffen. Reinwaschen kann man sich nicht, indem man es sich einfach macht. Um mich zu klären, musste ich dorthin, wo ich in einen realen Abgrund sehen konnte.

Kurz nach der Hurrikan-Katastrophe Katrina reiste ich nach New Orleans, The city that care forgot. Die Stadt war fast zerstört worden und gerade dabei, wie ein Phönix aus der Asche wieder aufzuerstehen. Ich trug ein ungenaues Bild der Stadt schon jahrelang in meinem Herzen, und als ich sie betrat, fühlte sich alles an wie nach Hause kommen. Die Stadt verschluckte mich mit Haut und Haar.
Es fiel mir nicht schwer, mich in New Orleans zu verlieben.
Auf den ersten Blick lernt man in dieser Stadt nur den Genuss kennen – auf den zweiten die Abgründe. Es ist die Stadt der zwei Gesichter.
Ich sollte sehr schnell lernen, dass sie trotz allem lebendiger, munterer und charmanter ist als jeder andere Ort auf der Welt – und die unamerikanischste Stadt Amerikas. The Big Easy, meine Schöne im Flussdelta.
Nichts kann sich mit ihr messen.
Doch was waren das für Menschen, die an einem Ort leben, der dem Untergang geweiht ist? Einem Ort unterhalb des Meeresspiegels, bedroht von Hurrikans und Überflutungen, der so zuverlässig heimgesucht wird? Wie lebten diese Menschen?
Da gab es Reece, der sich mit der verrückten Backpackerhölle Bourbon House seinen Lebenstraum erfüllt hatte, wo das Wasser wie dicker Regen durch die Decke tropfte.
Reece, der mich mit seinem schlaftrunkenen Blick und seinem süßen, schweren Südstaatenakzent aus der Fassung brachte, obwohl es letztlich ein englischer Jazzmusiker war, mit dem zusammen ich mich haltlos der Stadt ergab, haltlos und gleich dem Rausch.
Einer Stadt, in der Perlenketten wie Unkraut in den Bäumen wuchern und sich Ladies auf schmiedeeisernen Balkonen die Shirts von den üppigen Brüsten reißen.
Ich nahm alles mit, was die Stadt zu bieten hatte: Die stillen, scheuen Geister auf den Friedhöfen und die zänkisch-lauten, radaulustigen Geister im brodelnden Hexenkessel zu Mardi Gras, dem berüchtigten Karneval.
Die Geister holten mich ein, als ich in einer ranzigen Bar in der Straße der Musen versuchte, mir die Seele aus dem Leib zu tanzen – und zu trinken.
Ich ließ mich mitreißen und durch die Stadt treiben.
Aber ich wusste, dass selbst im Big Easy die große Leichtigkeit nur ein Traum ist. Besonders nach Katrina war das Vertrauen in den Staat so erschüttert, dass lange, dunkle Schatten auf den bunten Tagen lagen. Der Karneval zog das wahre Gesicht der amerikanischen Politik an den Haaren hervor und zerrte es ins Licht. Mardi Gras blühte wie nie zuvor – und entlarvte einen Stadtteil sogar als den Neunten Kreis der Hölle.
Dass die Stadt auch wie eine zickige Geliebte sein kann, lernte ich von einem jungen Dichter namens Moose. Er war ein heimatloses Punk kid mit rotziger Attitüde, der seine Haarfarbe so oft wechselte wie andere Leute die Kleidung.
Jack der Jazzmusiker hatte den rastlosen Geist getroffen und las mir seine Gedichte vor. Niemand sonst vermochte es, die Seele der Stadt so einzufangen wie Moose.
Fasziniert von dem scheuen Jungen, der glaubte, ein Fluch würde auf ihm lasten, beschloss ich, ihn zu suchen.
Sein Schicksal und war eng verschlungen mit einem bösen Geisteraffen und einer Zulu-Kokosnuss.
Tagelang jagte ich Moose’ wandernden Geist durch die Straßen, bis ich einsehen musste, dass es zwecklos war.
Manche Menschen wollen eben nicht gefunden werden.
Was mich dennoch nicht davon abhielt, mich auf die Suche nach der Voodoo-Heilerin zu machen.

Bei meinem Trip nach L.A. traf ich die Verlorenen.
Einen Mann, der seine Seele dem Teufel verkauft hatte, um dafür Omega-6 Proteine zu enträtseln und somit die Welt zu revolutionieren. Er war ein drogensüchtiger Pornofilmregisseur mit Welterlöser-Fantasien und einem ausladenden, cremefarbenen Cowboyhut. Er behauptete, eigenhändig einen Mammutbaum gefällt zu haben, um ein Feld mit Cannabis anzulegen.
Dort gab es auch den Puerto Ricaner, der sich selbst auf den Po klopfen musste, weil das sonst niemand tat.
Alle hier schienen getrieben und wurzellos.
Aber die Stadt der Engel passte nicht in meinen Plan. Sie hatte eine Lunge aus Teer und eine Seele aus Plastik, und der marode Charme hatte hier keine Lebensberechtigung.

Die Reise nach Kuba war kopflos und ungeplant, mehr Flucht als Reise.
Ich hatte keine Erwartungen, wurde aber sehr schnell von ihrem fremden Zauber eingenommen. Auch hier gab es schwüle Hitze und Jazz, trotzdem war Kuba so ganz anders als New Orleans: New Orleans wuselt. Kuba wartete.
Hier, so weit weg von zu Hause, fanden mich schließlich die Geister meiner eigenen Vergangenheit.
Während ich in einer Wellblechhütte in Santiago hockte und die feuchte Hitze meine Gedanken zerfraß, holte mich meine große Liebe wieder ein: Der Künstler, der ausnehmend schöne Hände malen, aber nicht mein Gesicht behalten konnte. Er hatte mein Herz zerpflückt wie die Blätter einer Artischocke.
Es brauchte erst Kubas heißen Atem, eine kleine Kette Widrigkeiten und ein paar himmlische Zeichen, um mich wiederzufinden und meine Perspektive gerade zu rücken.
Auch in Kuba gab es Musik, Stockflecken und knallige Lebensfreude.
Ich passte mich dem Rhythmus an. Ich hörte auf, mich zu fragen, worauf die Menschen warteten. Jeder schien hier auf irgendetwas zu warten.
Auf Autoersatzteile. Darauf, dass der Stromausfall vorübergeht. Auf den Bus. Auf Fidel Castros Ende, auf neues Speiseeis im Supermarkt, auf die längst überfällige Benzinlieferung, auf Zement für die Hurrikan Schäden.
Ich lernte, wieder langsamer zu gehen, anstatt zu rennen.
Und dass die Kubaner auch in ihrem Warten überwältigend schön aussehen. Ein Umstand, der sich auch im gemeinen Sextourismus zeigte – wenn man sich die Zeit nahm, um genauer hinzusehen, wenn hübsche junge Mädchen, die man gerne in die Schule geschickt hätte, auf bestimmte Motorroller stiegen und zwanzig Minuten später an der anderen Ecke eines Platzes wieder auftauchten.

Ich lernte, Details zu sehen.
Die Scherbenaugen eines jungen Gärtners auf dem Flug nach Havanna, in denen sich die Göttin Iris verbarg. Die Risse, die sich in New Orleans schönsten Häusern gebildet hatten. Die sechsflügeligen Engel in Venedigs Basilika, sowie den schönsten aller Engel, Luzifer.
Ich begriff, dass gerade in den scheinbar zersplitterten Dingen die Schönheit ruht, und dass das Göttliche im Detail wohnt – ebenso wie der Teufel.

Außerdem erfuhr ich, dass es einen Zusammenhang zwischen Wasser und Geistern gibt.
An Orten, die an oder im Wasser lagen, schien das Tor zur anderen Welt einen Spalt offen zu stehen. Im überschwemmten New Orleans, in den Kanälen Venedigs – sogar in einem ranzigen Pool nahe der Niagara Fälle, wo ich in einem verborgenen Wintergarten dem Geist eines kleinen Jungen nachjagte.
Ich besuchte die Friedhöfe, die Gräber, die Gedenkstätten, und hörte mir die Geschichten der Lebenden an, die zurückgeblieben waren.
Auf einer kleinen Friedhofsinsel vor Venedig, wo niemand wohnte außer den Toten, begegnete ich einem alten Mann, der mich lehrte, dass die Liebe über den Tod hinausgehen kann, wenn man ihr den entsprechenden Platz einräumt – und sich nicht länger dem Verstand beugt. Oder dem Reichtum.
Die Geister fanden mich überall. Vor allem meine eigenen.
Manches schien sich zu dadurch zu lösen, anderes blieb mir ein Rätsel.

Es gab die Orte, die das Beste aus mir herausholten – und das Schlechteste.
Situationen, in denen ich herausfand, wie mutig ich sein kann. Wie spontan, wie witzig, oder wie hilflos. Und dass es mir nie gelingen würde, so adrett und höflich zu werden wie meine japanische Freundin, mit der ich auf dem Weinberg schuftete.
Es gab Orte, die mir die Sterblichkeit der Welt so unvermittelt vor Augen führten, dass ich sie am liebsten geschlossen hätte.
Aber ich begann, mich zu öffnen.
Ich beharrte nicht mehr darauf, jemand zu sein, sondern konnte nur noch sein.
Das ist alles, was dich eine Reise lehren will.
Egal, ob du dafür ans Ende der Welt gehen musst – oder über die Straße.

[...]