Stories

Sieger-Text Literaturpreis Holzhäuser-Heckethaler 2005 - "Undine"

Ihr Blick gleitet über die Wellen hinweg bis zu der weit entfernten schwarzen Linie des Horizonts. Der warme Wind streicht durch ihr Haar und verteilt altes Salz auf ihrer Haut. Sie sieht auf ihre Beine hinab. Stich an Stich, ein bizarres Muster, schmückt die weiße Haut. Wie bei einer Puppe, bei der man als kleines Mädchen die Nahtstelle entdeckt und weiß, dass die Kindheit stirbt, da die kleine Freundin nichts als tote Textur ist. Stoff und große, blassblaue Glasaugen. Dass ihr fehlt, was man selbst hat und sich dessen nie bewusst war: das Leben. Mit die-ser Gewissheit geht die Einsicht, das Leben verlieren zu kön-nen, Hand in Hand. Man legt die Puppe zur Seite. Man wendet sich den Lebenden zu. Man begeht den größten Fehler in seiner kurzen Zeit.

Ob das Wasser denn auch lebendig sei, fragte sie sich stets und suchte beim Meer Zuflucht, wenn die Menschen ihr abver-langten, was sie nicht verstehen konnte und durfte. Das Meer war ihre Heimat, ihr seelenloser, abgründiger Freund, ihr stum-mes Geheimnis. Wenn die Sterne gleichgültig und diamanten-gleich am Himmel standen, verließ sie ihr kleines Zimmer und schlich die schmalen, steilen, dunklen Gassen zum Ufer hinab. Die Wellen begrüßten sie mit eintöniger Geduld und nahmen das Salz auf, wenn immer sich die Lider über den angefüllten Augen schlossen und das kleine Gesicht benetzten. So wurde sie schon vor langer Zeit von dem beruhigenden Gedanken er-fasst, ein Teil von ihr gehöre zu dieser Ewigkeit, dieser tiefen Unendlichkeit.
Um so tiefer grub sich die Angst in die Kinderseele, wenn sie anderntags geweckt und von den alten Holzbohlen des algen-bewachsenen Stegs gehoben und nach Hause getragen wurde, um unter Tadel in ihre enge Kammer zurück gesperrt zu wer-den. Die Hoffnung trat in ihr kleines Herz, als sie die Geschichte jener wundersamer Fabelwesen hörte. Aus dem Mund ihres al-tergebeugten Großvaters; und für sie wurde jedes Wort zur Wahrheit, jede Welle lebendig und jedes magische Haar beweg-te sich im Strom des Wassers. Meine wahre Familie lebt dort draußen, dachte sie. Die Schönheit jener Geschöpfe kümmerte sie nicht, ihr Sanftmut und ihre Kälte. Sie konnten nicht laufen, denn sie hatten keine Beine.
So wurden sie zu einem Wunschtraum, ein Ziel, dessen Erfül-lung mehr kostete als das Land.
Es war nicht einfach die Wesen des Wassers zu studieren. Sie griff auf das zurück, was sie am Ufer fand: glitzernde, schuppige Haut, gelierte Augenlider, stromlinienförmige Flossen. Die Welt wurde beherrscht von den Gezeiten, dem Mond und den See-sternen, von verblassenden, orangenen Krebsscheren. Ein Uni-versum, gesammelt und bewundert, der letzte Funken Leben ausgesaugt, verstaut unter Daunenkissen eines hölzernen Kin-derbettchens.
Ihr Universum stank. Es stank nach Fäulnis, weichen salzigen Gräten, schimmelnden Schuppen, rottenden Scheren. Es stank nach welkenden Sternen, bröselnden Beinchen, schalem Was-ser. Ein Kokon aus trockene Schalen, ausgeschlürften Mu-scheln. Sie lernte nicht zu würgen, wenn sie ihren Kopf in den Federn barg und eine Hand unter die Holzpfosten fuhr, um sich dem Gewirr aus Algen und Gliedern zu versichern. Sie liebte es, weil er es hasste, weil er im Tür-rahmen stehen blieb, angewidertes Gesicht, die schwere Luft drängte sich in seine Nase, machte ihn wütend. Es blieb nicht lange dabei, er schickte ihre Mutter, die Pest zu entfernen. Sie räumte die fauligen Stücke zusammen, den Blick gesenkt, trau-rig fast und in der Haltung eines Menschen, dem die Wirbelsäu-le fehlt. Nicht von Geburt an, aber entfernt vor langer Zeit, zu lange schon als dass man sie ersetzten könnte. So wurde die schützende Mauer des Kindes zerstört, sein Mantel aus erdrü-ckendem, süßlichem Duft.
Was blieb war das stumme Wissen der Mutter. Ein hilfloses Hinnehmen des nächtlichen Tuns ihres Gatten in der Kammer des Kindes: das Aufschwingen der Tür, die ächzenden Angeln, vorsorglich geölt, sogar diese zum Schweigen gebracht, um je-de Beschwerde im Keim zu ersticken.
Was blieb war aber auch der Gedanke an die Wunder der Mee-re, eine Ahnung der wellenförmigen Struktur. Das Wasser lockte auch weiterhin, stärker als je zuvor, sie hütete es und ließ es nicht aus den Augen. Gewaltsam entfernte man sie davon und sah sich gezwungen sie zu bestrafen, bevor sich der Fisch den engen Maschen des väterlichen Netzes entwinden konnte.
Auf das dumpfe Pochen und Schlagen, auf das gedämpfte Schluchzen, das durch die Tür drang, antwortete das Haus mit Gleichmut. Schließlich herrschte Schweigen. Es beherrschte die Kammer, füllte die Kinderseele und war nicht mehr zu vertrei-ben. Hartnäckig hatte es sich in den Hals des Mädchens verbis-sen. Hätte man genauer hingesehen, hätte man bemerkt, dass sich jenseits der leeren Augen ein Wissen verbarg, ein kindlich fester Entschluss. Man hätte bemerkt, wie Nadeln verschwan-den: Nadeln und Faden aus dem nichtigen Nähkörbchen der Mutter. So einfach nahm das Kind sein Schicksal in die kleinen Hände. Es nahm den letzten Weg zu Fuß, in der Gewissheit nie wieder diese falschen Glieder zu benutzen.

Das Meer sieht weder missbilligend noch anerkennend auf ihr Werk hinab, nur wehmütig und entfernt freundlich. Das Kind legt die Nadel bei Seite, auf der sich eine rostrote Kruste gebildet hat. Mit den Zähnen beißt es den Faden ab und zieht sich mit den Armen über den warmen Sand, den Wellen entgegen. Der Unterleib fühlt sich taub an. Doch alles so richtig, die Beine, als wenn sie schon immer zusammengehört hätten, in perfekter Einheit. Nur die Nahtstelle verrät, dass sie einmal etwas ande-res gewesen ist. Wie die Puppe, die einst nur aus leblosem Stoff bestand. Doch jetzt fühlt sie sich lebendiger als je zuvor. Lebendig und sicher, weil die Stiche zusammenhalten, was so gewaltsam auseinandergedrängt worden war. Ihre Ehre ist ge-rettet.
Sie lässt sich ins Wasser gleiten und treibt der dunklen Ewigkeit entgegen. Ein wohliges Murmeln und Rauschen umhüllt sie: Geborgenheit.

Anderntags fahren die Fischer aufs Meer hinaus und werfen ih-re geflickten Netze aus. Diese treiben durch das dunkle Wasser, schöpfen aus den vollen Wellen und werden schwerer und schwerer, bis kräftige Arme sie zurück auf das schmale Deck der verwitterten Schiffe ziehen.
Gut war der Fang, eine Vielzahl zappelnder, silberglänzender Fische ergießt sich auf die glitschigen Planken. Doch es ist noch etwas im Netz. Die Fischer ziehen es heraus, ein aufge-schwemmter Leib, fahle Haut und das Haar voll Tang. Entsetzt wenden sie die Gesichter ab, als sie die aneinandergedrückten Beine sehen, mit unbeholfenen Händen zusammen genäht.